Schwerpunktfach · Lerngebiet 3 · Funktionen · 55 Lektionen

3.2b Wurzelfunktionen

RLP 3.2 · Teil 2 von 2

Wurzelfunktionen \(f(x) = \sqrt[n]{x}\) sind die Umkehrfunktionen der Potenzfunktionen: Sie beantworten die Frage „welche Zahl ergibt hoch \(n\) genau \(x\)?". Hier lernst du, wann eine Potenzfunktion umkehrbar ist, wie der Graph der Wurzelfunktion durch Spiegelung entsteht und wie sich Wurzelgleichungen grafisch lösen lassen.

📋 Kompetenzen nach RLP 2030 — Teilgebiet 3.2
  • die Wurzelfunktionen als Umkehrfunktion der Potenzfunktion mit ganzzahligen Exponenten berechnen, interpretieren und grafisch darstellen auch ohne Hilfsmittel

Die Potenzfunktionen als Grundlage werden in Teil 1 (s3-2a) behandelt.

🎯 Lernziele — das kann ich nach dieser Seite
  • Ich kann die Wurzelfunktion \(f(x) = \sqrt[n]{x} = x^{1/n}\) definieren und ihre Definitions- und Wertemenge angeben.
  • Ich kann erklären, warum Potenzfunktionen mit geradem Exponenten nur auf \(\mathbb{R}_0^+\) umkehrbar sind — und die Umkehrung grafisch als Spiegelung an der Winkelhalbierenden \(y = x\) deuten.
  • Ich kann Graphen von Wurzelfunktionen skizzieren und die Wirkung der Parameter in \(a \cdot \sqrt[n]{x-u} + v\) beschreiben.
  • Ich kann den maximalen Definitionsmenge eines Wurzelterms bestimmen.
  • Ich kann Ordinatenabschnitt und Nullstellen von Wurzelfunktionen berechnen.
  • Ich kann Wurzelgleichungen grafisch lösen und die Lösung algebraisch überprüfen.

Einstieg — das Fadenpendel

Die Schwingungsdauer \(T\) eines Fadenpendels hängt nur von der Fadenlänge \(l\) und der Erdbeschleunigung \(g = 9.81\ \text{m/s}^2\) ab:

\[ T = 2\pi \cdot \sqrt{\frac{l}{g}} \approx 2 \cdot \sqrt{l} \qquad (T \text{ in s},\ l \text{ in m}) \]

Die Schwingungsdauer wächst mit der Wurzel der Länge — nicht proportional. Ein viermal so langes Pendel schwingt nur doppelt so langsam.

🕰 Fadenpendel: \(T \approx 2\sqrt{l}\)

💡 Erkenntnis
Erkenntnis
Vierfache Länge heisst \(\sqrt{4} = 2\)-fache Schwingungsdauer. Die Wurzelkurve ist das Spiegelbild der Parabel: steil am Anfang, immer flacher werdend. Genau diese Spiegelbeziehung — Wurzel als Umkehrung der Potenz — ist das Thema dieser Seite.

Fadenlänge 0.1–10 m · Erdbeschleunigung 9.81 m/s²

1.0 m
Funktion und Auswertung
T(l) = 2π·√(l/9.81)
T(1.0) = 2.01 s
📘 Was sehen wir?

Der Zusammenhang \(l \mapsto T\) folgt einer Wurzelfunktion:

  • Vervierfachung der Länge → nur Verdopplung der Schwingungsdauer (\(\sqrt{4} = 2\))
  • Die Kurve steigt am Anfang steil und wird immer flacher — genau umgekehrt wie die Parabel
✏️ Mini-Check — Einstieg
Multiple Choice

Die Pendellänge wird verdoppelt. Was passiert mit der Schwingungsdauer \(T \approx 2\sqrt{l}\)?

  • Sie wird verdoppelt.
  • Sie wächst um den Faktor \(\sqrt{2} \approx 1.41\) — weniger als verdoppelt.
  • Sie wird vervierfacht.
Lösung anzeigen
B. \(T(2l) = 2\sqrt{2l} = \sqrt{2} \cdot 2\sqrt{l} = \sqrt{2} \cdot T(l) \approx 1.41 \cdot T(l)\).
Lückentext

Die Schwingungsdauer hängt von der der Fadenlänge ab — darum wächst \(T\) langsamer als \(l\).

Lösung anzeigen
(Quadrat-)Wurzel — \(T \approx 2\sqrt{l}\).
Kurze Rechnung

Berechne \(T\) für \(l = 0.25\) m mit der Näherung \(T \approx 2\sqrt{l}\).

Lösung anzeigen
\(T \approx 2 \cdot \sqrt{0.25} = 2 \cdot 0.5 = 1\) s.
Transfer

Welche Fadenlänge braucht ein Pendel mit Schwingungsdauer \(T = 1\) s? Löse die Formel nach \(l\) auf.

Lösungsweg anzeigen
Auflösen (= Umkehrfunktion bilden!): \(T = 2\pi\sqrt{l/g} \Rightarrow l = \dfrac{g \cdot T^2}{4\pi^2} \approx 0.248 \cdot T^2\). Für \(T = 1\) s: \(l \approx 0.25\) m, also etwa \(25\) cm. Die Umkehrfunktion einer Wurzelfunktion ist wieder eine Potenzfunktion.

Definition

📘 Definition — Wurzelfunktion

Eine Funktion \(f : \mathbb{R}_0^+ \longrightarrow \mathbb{R}_0^+\) mit einer Gleichung der Form

\[ y = f(x) = \sqrt[n]{x} = x^{\frac{1}{n}}, \qquad n \in \mathbb{N}^* \]

heisst Wurzelfunktion mit Wurzelexponent \(n\).

📘 Wurzelfunktion als Umkehrfunktion

Die Wurzelfunktion ist die Umkehrfunktion der Potenzfunktion — und umgekehrt:

\[ f:\; y = x^n \;\Longrightarrow\; \sqrt[n]{y} = \sqrt[n]{x^n} \;\Longrightarrow\; x = \sqrt[n]{y} \;\Longrightarrow\; f^{-1}:\; y = \sqrt[n]{x} \]

Grafisch entsteht der Graph von \(f^{-1}\) durch Spiegelung an der Winkelhalbierenden \(y = x\): Jeder Punkt \((a \mid b)\) wird zu \((b \mid a)\).

💡 Schreibweise mit rationalem Exponenten

Wegen \(a^{1/n} = \sqrt[n]{a}\) sind Wurzelfunktionen Potenzfunktionen mit rationalen Exponenten der Form \(\tfrac{1}{n}\). Die Rechenregeln (Potenzgesetze) übertragen sich direkt — siehe ↩ 1.2 Potenzen.

Umkehrbarkeit — wann darf man spiegeln?

Nicht jede Potenzfunktion ist auf ihrem ganzen Definitionsmenge umkehrbar. Es kommt auf die Parität des Exponenten an:

📘 Umkehrbarkeit der Potenzfunktionen
  • Gerader Exponent (z.B. \(y = x^2\)): Auf ganz \(\mathbb{R}\) nicht umkehrbar — zu jedem \(y > 0\) gehören zwei \(x\)-Werte (\(\pm\)). Beschränkt man sich auf den rechten Ast (\(x \in \mathbb{R}_0^+\)), wird die Funktion umkehrbar: \(f^{-1}: y = \sqrt{x}\). (Der linke Ast hätte die Umkehrfunktion \(y = -\sqrt{x}\).)
  • Ungerader Exponent (z.B. \(y = x^3\)): Auf ganz \(\mathbb{R}\) umkehrbar, denn jede Höhe wird genau einmal erreicht: \(f^{-1}: y = \sqrt[3]{x}\) mit \(x \in \mathbb{R}\).
  • Negativer Exponent (z.B. \(y = x^{-2}\), eine Hyperbel): Auf \(\mathbb{R}^+\) ist auch sie umkehrbar. Löst man \(y = x^{-n}\) nach \(x\) auf, entsteht wieder eine Potenzfunktion — mit negativem Stammbruch als Exponent: \(f^{-1}: y = x^{-1/n}\). Für \(y = x^{-2}\) also \(f^{-1}: y = x^{-1/2} = \tfrac{1}{\sqrt{x}}\).

Es ist sinnvoll, die Umkehrbarkeit aller Potenzfunktionen einheitlich auf \(D = \mathbb{R}_0^+\) zu beschränken.

💡 Konvention — die dritte Wurzel und der Definitionsbereich

Ungerade Wurzeln wie \(\sqrt[3]{\ }\) sind mathematisch auch für negative Radikanden erklärt: \(\sqrt[3]{-8} = -2\), denn \((-2)^3 = -8\). Gerade Wurzeln (\(\sqrt{\ }\), \(\sqrt[4]{\ }\)) dagegen nur für Radikand \(\geq 0\). Damit aber alle Wurzelfunktionen dieselbe Definitionsmenge haben und die Potenzschreibweise \(x^{1/n}\) einheitlich gilt, beschränkt man sie in diesem Kapitel durchgehend auf \(D = \mathbb{R}_0^+\).

Spiegelung an der Winkelhalbierenden: \(y = x^n\) ↔ \(y = \sqrt[n]{x}\)

💡 Erkenntnis
Erkenntnis
Die Koordinaten sind vertauscht: \(P(a \mid a^n)\) wird zu \(P'(a^n \mid a)\). Beide Kurven schneiden sich auf der Winkelhalbierenden in \((0 \mid 0)\) und \((1 \mid 1)\) — dort ist Spiegeln wirkungslos.

Potenzkurve blau · Wurzelkurve grün · Winkelhalbierende \(y = x\) gestrichelt

1.2
Punkt und Spiegelpunkt
P(1.2 | 1.44) auf y = x²  →  P′(1.44 | 1.2) auf y = √x
✏️ Mini-Check — Umkehrfunktion
Multiple Choice

Wie lautet die Umkehrfunktion von \(f: y = x^3\) (auf \(\mathbb{R}_0^+\))?

  • \(y = \dfrac{1}{x^3}\)
  • \(y = \sqrt[3]{x}\)
  • \(y = 3\sqrt{x}\)
Lösung anzeigen
B. Umkehren heisst: nach \(x\) auflösen und Variablen tauschen. \(y = x^3 \Rightarrow x = \sqrt[3]{y}\), also \(f^{-1}: y = \sqrt[3]{x}\). (Achtung: \(\tfrac{1}{x^3} = x^{-3}\) ist der Kehrwert, nicht die Umkehrfunktion!)
Lückentext

Der Graph der Umkehrfunktion entsteht durch Spiegelung an der \(y = x\).

Lösung anzeigen
Winkelhalbierenden (des 1. und 3. Quadranten).
Kurze Rechnung

Berechne \(\sqrt[3]{125}\) und \(\sqrt[5]{32}\).

Lösung anzeigen
\(\sqrt[3]{125} = 5\) (denn \(5^3 = 125\)) und \(\sqrt[5]{32} = 2\) (denn \(2^5 = 32\)).
Transfer

Warum ist \(f: y = x^2\) auf ganz \(\mathbb{R}\) nicht umkehrbar? Argumentiere mit einem konkreten Zahlenbeispiel.

Lösungsweg anzeigen
Zur Höhe \(y = 4\) gehören zwei Urbilder: \(x = 2\) und \(x = -2\). Eine Umkehrfunktion müsste der \(4\) einen eindeutigen Wert zuordnen — das geht nicht. Erst die Einschränkung auf \(x \geq 0\) macht die Zuordnung eindeutig und die Funktion umkehrbar.

Eigenschaften der Wurzelfunktionen

Der Einfluss des Wurzelexponenten wird sichtbar, wenn man mehrere Wurzelkurven in ein Koordinatensystem zeichnet:

Wurzelkurven im Vergleich — Einfluss des Wurzelexponenten

💡 Erkenntnis
Erkenntnis
Alle Wurzelkurven laufen durch \((0\mid 0)\) und \((1\mid 1)\) — dort schneiden sie sich alle. Zwischen \(0\) und \(1\) liegt die Kurve mit dem grössten \(n\) zuoberst, rechts von \(1\) zuunterst. Je grösser \(n\), desto steiler der Anstieg am Anfang und desto flacher der weitere Verlauf. Bei den Potenzfunktionen \(y = x^n\) ist es genau umgekehrt — die Wurzelkurve ist deren Spiegelbild an \(y = x\).
Eigenschaften\(y = f(x) = \sqrt[n]{x} = x^{1/n}\), \(n \in \mathbb{N}^*\)
Definitionsmenge\(D = \mathbb{R}_0^+\)
Wertemenge\(W = \mathbb{R}_0^+\)
Gemeinsame Punkte\((0 \mid 0)\) und \((1 \mid 1)\)
Ordinatenabschnitt\(y_0 = 0\)
Nullstellen\(x_0 = 0\)
Symmetrie
💡 Warum keine Symmetrie?

Achsen- oder Punktsymmetrie verlangt, dass mit \(x\) auch \(-x\) im Definitionsmenge liegt. \(D = \mathbb{R}_0^+\) ist aber nicht symmetrisch zum Ursprung — die Frage stellt sich gar nicht.

✏️ Mini-Check — Eigenschaften
Multiple Choice

Welche Definitionsmenge hat die Wurzelfunktion \(y = \sqrt[4]{x}\)?

  • \(D = \mathbb{R}\)
  • \(D = \mathbb{R}_0^+\)
  • \(D = \mathbb{R}^+\)
Lösung anzeigen
B. Das Argument unter einer geraden Wurzel muss \(\geq 0\) sein; \(x = 0\) ist erlaubt (\(\sqrt[4]{0} = 0\)).
Lückentext

Alle Wurzelfunktionen \(y = \sqrt[n]{x}\) laufen durch die Punkte \((0 \mid 0)\) und .

Lösung anzeigen
\((1 \mid 1)\) — denn \(\sqrt[n]{1} = 1\) für jedes \(n\).
Kurze Rechnung

Welcher Wert ist grösser: \(\sqrt{0.5}\) oder \(\sqrt[5]{0.5}\)?

Lösung anzeigen
\(\sqrt{0.5} \approx 0.71\) und \(\sqrt[5]{0.5} \approx 0.87\) — zwischen \(0\) und \(1\) liegt die höhere Wurzel über der niedrigeren (rechts von \(1\) ist es umgekehrt).
Transfer

Die Wurzelkurven wirken wie „gekippte" Parabeln. Erkläre diesen Eindruck mit der Umkehrbeziehung.

Lösungsweg anzeigen
\(y = \sqrt[n]{x}\) ist die Spiegelung von \(y = x^n\) (rechter Ast) an der Winkelhalbierenden \(y = x\). Die Spiegelung vertauscht die Rollen der Achsen — darum sieht die Wurzelkurve aus wie eine um 90° gekippte (liegende) Parabel.

Transformationen und Wurzelgleichungen

📘 Transformationen: \(y = a \cdot \sqrt[n]{x-u} + v\)

Die Parameter wirken wie bei den Potenzfunktionen: \(u\) verschiebt horizontal, \(v\) vertikal, \(|a|\) streckt in \(y\)-Richtung, negatives \(a\) spiegelt an der \(x\)-Achse. Neu ist die Wirkung auf den Definitionsmenge:

\[ x - u \geq 0 \;\Longrightarrow\; D = [u;\, +\infty[ \]

Der „Startpunkt" der Kurve liegt bei \((u \mid v)\).

🟢 Beispiel 1 — Ordinatenabschnitt und Nullstelle

Gegeben ist \(f: y = 2 \cdot \sqrt[3]{x+1} - 4\).

Ordinatenabschnitt (\(x = 0\) einsetzen):

\[ y_0 = 2 \cdot \sqrt[3]{0+1} - 4 = 2 \cdot 1 - 4 = -2 \]

Nullstelle (\(y = 0\) setzen):

\[ 0 = 2 \cdot \sqrt[3]{x_0+1} - 4 \;\Longrightarrow\; \sqrt[3]{x_0+1} = 2 \;\Longrightarrow\; x_0 + 1 = 2^3 = 8 \;\Longrightarrow\; x_0 = 7 \]
🟢 Beispiel 2 — Transformation und Definitionsmenge

Gegeben sind \(f_1: y = \sqrt[3]{x}\) und \(f_2: y = 2 \cdot \sqrt[3]{x-1}\).

(a) Der Graph von \(f_2\) geht aus dem von \(f_1\) durch Verschiebung um \(1\) Einheit nach rechts und Streckung um den Faktor \(2\) in \(y\)-Richtung hervor.

(b) Das Argument unter der Wurzel muss grösser oder gleich null sein:

\[ x - 1 \geq 0 \;\Longrightarrow\; x \geq 1 \;\Longrightarrow\; D = [1;\, +\infty[ , \qquad W = \mathbb{R}_0^+ \]

Transformations-Labor: \(y = a\cdot\sqrt[n]{x-u} + v\)

💡 Erkenntnis
Erkenntnis
Der Startpunkt liegt immer bei \((u \mid v)\): \(u\) schiebt horizontal, \(v\) vertikal. \(|a|\) streckt in \(y\)-Richtung, negatives \(a\) klappt die Kurve an der Waagrechten durch den Startpunkt um. Bei der Quadratwurzel (\(n=2\)) verlangt \(x-u\ge 0\) die Definitionsmenge \([u;\infty[\) — das rote Band links von \(u\) ist verboten. Die Kubikwurzel (\(n=3\)) ist für alle \(x\) definiert.

Grundkurve grau gestrichelt · transformierte Kurve violett · Startpunkt \((u\mid v)\) grün

1
0
0
Funktionsgleichung und Definitionsmenge
y = √x · D = [0; ∞[
📘 Grafische Lösung von Wurzelgleichungen

Beide Seiten einer Wurzelgleichung werden als Funktionsterme aufgefasst. Die \(x\)-Koordinate des Schnittpunkts \(P\) der beiden Graphen liefert die Lösung — näherungsweise beim Ablesen, exakt nach algebraischer Kontrolle.

Wurzelgleichung grafisch: \(\sqrt[3]{x+2} = c\)

💡 Erkenntnis
Erkenntnis
Die linke Seite ist die Wurzelkurve \(y = \sqrt[3]{x+2}\), die rechte die konstante Funktion \(y = c\). Der Schnittpunkt hat die \(x\)-Koordinate \(c^3 - 2\) — das Auflösen der Gleichung entspricht dem Anwenden der Umkehrfunktion (hoch 3).

Höhe \(c\) der rechten Seite · Schnittpunkt \(P\) markiert

2.00
Gleichung und Lösung
∛(x + 2) = 2  ⇒  x = 2³ − 2 = 6
⚠ Häufiger Fehler — Wurzelwerte sind nie negativ

Die (gerade) Wurzel liefert per Definition Werte \(\geq 0\). Eine Gleichung wie \(\sqrt{3-x} = -1\) hat deshalb keine Lösung — egal, was beim formalen Quadrieren herauskommt. Erst denken, dann quadrieren: Ist die rechte Seite negativ, ist die Lösungsmenge leer.

⚠ Häufiger Fehler — Scheinlösungen nach dem Quadrieren

Quadrieren ist keine Äquivalenzumformung: Es können Scheinlösungen entstehen, die die Ausgangsgleichung nicht erfüllen. Nach dem algebraischen Lösen einer Wurzelgleichung gehört immer die Probe in der ursprünglichen Gleichung dazu.

💡 Strategie — Definitionsmenge zuerst

Bestimme vor dem Lösen den Definitionsmenge: Radikand \(\geq 0\) setzen und auflösen. Lösungen ausserhalb von \(D\) sind automatisch ungültig — das entlarvt Scheinlösungen oft schon vor der Probe.

✏️ Mini-Check — Transformationen und Wurzelgleichungen
Multiple Choice

Welchen maximalen Definitionsmenge hat \(y = \sqrt{x-1}\)?

  • \(D = [1;\, +\infty[\)
  • \(D = \mathbb{R}_0^+\)
  • \(D = ]1;\, +\infty[\)
Lösung anzeigen
A. \(x - 1 \geq 0 \Rightarrow x \geq 1\). Die \(1\) gehört dazu (\(\sqrt{0} = 0\)) — also geschlossene Klammer.
Lückentext

Der Graph von \(y = \sqrt{x-u} + v\) „startet" im Punkt \((u \mid\) \()\).

Lösung anzeigen
\(v\) — an der Stelle \(x = u\) ist die Wurzel null, also \(y = v\).
Kurze Rechnung

Bestimme die Nullstelle von \(y = \sqrt{x-3} - 2\).

Lösung anzeigen
\(\sqrt{x-3} = 2 \Rightarrow x - 3 = 4 \Rightarrow x_0 = 7\). Probe: \(\sqrt{4} - 2 = 0\) ✓
Transfer

Hat die Gleichung \(\sqrt{x+2} = -3\) eine Lösung? Begründe — ohne zu quadrieren.

Lösungsweg anzeigen
Nein. Die linke Seite ist ein Wurzelwert und damit \(\geq 0\), die rechte Seite ist \(-3 < 0\). Gleichheit ist unmöglich, \(L = \{\,\}\). (Formales Quadrieren ergäbe die Scheinlösung \(x = 7\) — die Probe \(\sqrt{9} = 3 \neq -3\) entlarvt sie.)

Aufgaben

🟠 A1Wurzelfunktion am Graphen erkennen

Wähle einen Graphen und entscheide, welche Funktionsgleichung dazu passt. Achte auf Startpunkt und Öffnungsrichtung.

A1 · Wurzelfunktion am Graphen erkennen
💡 Erkenntnis
Erkenntnis
Der Startpunkt liefert die Verschiebung direkt: \(y = \sqrt{x-2} + 1\) beginnt bei \((2\mid 1)\), denn dort ist die Wurzel null. Ein negativer Faktor spiegelt den Ast nach unten. Quadrat- und Kubikwurzel unterscheidet man am besten links von \(1\): dort verläuft \(\sqrt[3]{x}\) über \(\sqrt{x}\), rechts von \(1\) darunter.

Welche Gleichung gehört zum angezeigten Graphen?

🟠 A2Graphen skizzieren, Definitions- und Wertemenge angeben

Skizziere die folgenden Graphen von Hand. Bestimme jeweils zuerst den Startpunkt \((u \mid v)\) und den Definitionsmenge. Vergleiche danach mit der Lösung.

  1. \(y = \sqrt{x-2} + 1\)
  2. \(y = -2\sqrt{x} + 3\)
  3. \(y = \sqrt{x+3} - 2\)
🟢 Lösung
  1. Blau: Startpunkt \((2 \mid 1)\), \(D = [2;\, +\infty[\), \(W = [1;\, +\infty[\).
  2. Grün: Startpunkt \((0 \mid 3)\), an der \(x\)-Achse gespiegelt und gestreckt; \(D = \mathbb{R}_0^+\), \(W = ]-\infty;\, 3]\).
  3. Violett: Startpunkt \((-3 \mid -2)\), \(D = [-3;\, +\infty[\), \(W = [-2;\, +\infty[\).
🟠 A3Rechnen mit Wurzelfunktionen
🟠 a) Ordinatenabschnitt und Nullstelle

Bestimme Ordinatenabschnitt und Nullstelle von \(f(x) = 2\sqrt{x+4} - 6\).

🟢 Lösung

Ordinatenabschnitt: \(y_0 = 2\sqrt{0+4} - 6 = 2 \cdot 2 - 6 = -2\).

Nullstelle: \(2\sqrt{x_0+4} = 6 \Rightarrow \sqrt{x_0+4} = 3 \Rightarrow x_0 + 4 = 9 \Rightarrow x_0 = 5\). Probe: \(2\sqrt{9} - 6 = 0\) ✓

🟠 b) Definitionsmenge

Bestimme den maximalen Definitionsmenge von \(y = 3\sqrt{x-2}\).

🟢 Lösung

\(x - 2 \geq 0 \Rightarrow x \geq 2 \Rightarrow D = [2;\, +\infty[\). Wertemenge: \(W = \mathbb{R}_0^+\) (positiver Streckfaktor).

🟠 c) Parameter aus zwei Punkten

Die Funktion \(f(x) = a \cdot \sqrt[n]{x}\) geht durch \(P = (1 \mid 2)\) und \(Q = (8 \mid 4)\). Bestimme \(a\) und \(n\).

🟢 Lösung

Aus \(P\): \(a \cdot \sqrt[n]{1} = 2 \Rightarrow a = 2\). Aus \(Q\): \(2 \cdot \sqrt[n]{8} = 4 \Rightarrow \sqrt[n]{8} = 2 \Rightarrow 2^n = 8 \Rightarrow n = 3\).

Also \(f(x) = 2\sqrt[3]{x}\). Probe: \(2 \cdot \sqrt[3]{8} = 2 \cdot 2 = 4\) ✓

🟠 d) Wurzelgleichungen — grafisch lösen, algebraisch prüfen
  1. \(\sqrt{x+2} = 6\)
  2. \(\sqrt{2x-1} = 2\)
  3. \(2\sqrt{3-x} = -1\)
🟢 Lösung
  1. Quadrieren: \(x + 2 = 36 \Rightarrow x = 34\). Probe: \(\sqrt{36} = 6\) ✓
  2. Quadrieren: \(2x - 1 = 4 \Rightarrow x = 2.5\). Probe: \(\sqrt{4} = 2\) ✓
  3. Keine Lösung: Die linke Seite ist \(\geq 0\), die rechte \(-1 < 0\). \(L = \{\,\}\) — grafisch: Die Wurzelkurve und die Gerade \(y = -1\) schneiden sich nie.
🟠 A4Fadenpendel — hin und zurück

Für ein Fadenpendel gilt \(T = 2\pi\sqrt{\dfrac{l}{g}}\) mit \(g = 9.81\ \text{m/s}^2\).

  1. Zeige, dass auf der Erde näherungsweise \(T \approx 2\sqrt{l}\) gilt.
  2. Berechne \(T\) für \(l = 1\) m.
  3. Bestimme die Umkehrfunktion \(l(T)\) und berechne die Pendellänge für \(T = 1\) s.
  4. Welche Schwingungsdauer hätte ein 1-m-Pendel auf dem Mond (\(g = 1.6\ \text{m/s}^2\))?
🟢 Lösung
  1. \(T = \dfrac{2\pi}{\sqrt{g}} \cdot \sqrt{l} = \dfrac{2\pi}{\sqrt{9.81}} \cdot \sqrt{l} \approx 2.006 \cdot \sqrt{l} \approx 2\sqrt{l}\). ✓
  2. \(T(1) = 2\pi\sqrt{1/9.81} \approx 2.01\) s.
  3. Quadrieren und auflösen: \(T^2 = 4\pi^2 \cdot \dfrac{l}{g} \Rightarrow l(T) = \dfrac{g \cdot T^2}{4\pi^2} \approx 0.248 \cdot T^2\). Für \(T = 1\) s: \(l \approx 0.25\) m — die Umkehrfunktion der Wurzelfunktion ist eine quadratische Funktion.
  4. \(T = 2\pi\sqrt{1/1.6} \approx 4.97\) s — auf dem Mond schwingt dasselbe Pendel rund 2.5-mal langsamer.
🟠 A5Wasserwellen im Ozean

Die Geschwindigkeit von Oberflächenwellen hängt von der Wellenlänge \(x\) ab (nicht von der Wellenhöhe):

\[ v = 1.25 \cdot \sqrt{x} \qquad (v \text{ in m/s},\ x \text{ in m}) \]

Die Formel gilt, solange die Wellenlänge höchstens das Sechsfache der Wassertiefe \(h\) beträgt.

  1. Berechne die Geschwindigkeit für Wellenlängen von \(20\) m und \(100\) m.
  2. Wie schnell können Wellen in einem Ozean der Tiefe \(4000\) m höchstens werden?
  3. Wie lange bräuchte eine solche Welle für eine Erdumrundung (\(40\,000\) km)?
🟢 Lösung
  1. \(v(20) = 1.25\sqrt{20} \approx 5.59\) m/s und \(v(100) = 1.25\sqrt{100} = 12.5\) m/s.
  2. Maximale Wellenlänge: \(x_{\max} = 6 \cdot 4000 = 24\,000\) m. Also \(v_{\max} = 1.25 \cdot \sqrt{24\,000} \approx 193.6\) m/s — fast \(700\) km/h (Tsunami-Grössenordnung).
  3. \(t = \dfrac{40\,000\,000\ \text{m}}{193.6\ \text{m/s}} \approx 206\,600\ \text{s} \approx 57.4\) h — knapp zweieinhalb Tage.
🟠 A6Der Stein im Brunnen

Für die Fallhöhe gilt \(s(t) = \tfrac{1}{2} g t^2\) mit \(g = 9.81\ \text{m/s}^2\); der Schall läuft mit \(v = 340\) m/s zurück.

  1. Löse \(s(t)\) nach \(t\) auf. Welcher Funktionstyp ergibt sich?
  2. Ein Stein fällt in einen \(100\) m tiefen Sodbrunnen. Nach welcher Zeit hört man den Aufprall (Fallzeit + Schall-Laufzeit)?
  3. In einem anderen Brunnen hört man den Aufprall nach \(1.8\) s. Wie tief ist der Brunnen (mit Berücksichtigung des Schalls)?
🟢 Lösung
  1. \(t(s) = \sqrt{\dfrac{2s}{g}}\) — die Umkehrfunktion der quadratischen Fallfunktion ist eine Wurzelfunktion.
  2. Fallzeit \(t_1 = \sqrt{200/9.81} \approx 4.52\) s, Schall \(t_2 = 100/340 \approx 0.29\) s, zusammen \(\approx 4.81\) s.
  3. Ansatz: \(t_1 + t_2 = 1.8\) mit \(s = \tfrac{1}{2} g t_1^2 = 4.905\,t_1^2\) und \(t_2 = \tfrac{s}{340} = \tfrac{4.905\,t_1^2}{340}\). Einsetzen: \(t_1 + \tfrac{4.905\,t_1^2}{340} = 1.8\); mal \(340\) ergibt die quadratische Gleichung \(4.905\,t_1^2 + 340\,t_1 - 612 = 0\) mit der positiven Lösung \(t_1 \approx 1.756\) s. Daraus \(s = \tfrac{1}{2} \cdot 9.81 \cdot 1.756^2 \approx 15.1\) m. (Ohne Schallkorrektur ergäben sich \(15.9\) m — der Schall macht knapp einen Meter aus.)
🟠 A7Zehnkampf-Punkteformeln Vertiefung

Der Leichtathletik-Weltverband vergibt Zehnkampf-Punkte nach Potenzformeln: für Laufdisziplinen \(P(l) = A \cdot (B - l)^C\), für Sprung- und Wurfdisziplinen \(P(l) = A \cdot (l - B)^C\) (Leistung \(l\) in s bzw. cm/m):

DisziplinABC
100 m [s]25.4347181.81
Weitsprung [cm]0.143542201.40
Kugelstossen [m]51.391.51.05
  1. Schreibe den Exponenten \(C = 1.4\) des Weitsprungs als gemeinen Bruch.
  2. Bestimme die Umkehrzuordnung „Punkte \(\to\) Leistung": Löse \(P = A(l-B)^C\) nach \(l\) auf. Welche Rolle spielt dabei die Wurzel?
  3. Welche Leistung braucht es in jeder der drei Disziplinen für \(1000\) Punkte?
🟢 Lösung
  1. \(1.4 = \dfrac{7}{5}\), also \((l-B)^{7/5} = \sqrt[5]{(l-B)^7}\).
  2. \(P = A(l-B)^C \Rightarrow (l-B)^C = \dfrac{P}{A} \Rightarrow l = B + \left(\dfrac{P}{A}\right)^{1/C}\). Der Exponent \(\tfrac{1}{C}\) ist eine Wurzel — die Umkehrung des Potenzierens, genau wie bei \(x^n \leftrightarrow \sqrt[n]{x}\). (Laufdisziplinen analog: \(l = B - (P/A)^{1/C}\).)
  3. 100 m: \(l = 18 - (1000/25.4347)^{1/1.81} \approx 10.40\) s.
    Weitsprung: \(l = 220 + (1000/0.14354)^{1/1.4} \approx 776\) cm \(\approx 7.76\) m.
    Kugelstossen: \(l = 1.5 + (1000/51.39)^{1/1.05} \approx 18.4\) m.
    Alles Weltklasse-Leistungen — 1000 Punkte pro Disziplin entsprechen rund 10 000 Zehnkampf-Punkten.

Zusammenfassung

⭐ Merksatz

Die Wurzelfunktion \(y = \sqrt[n]{x}\) ist die Umkehrfunktion der Potenzfunktion \(y = x^n\) (auf \(\mathbb{R}_0^+\)): Ihr Graph entsteht durch Spiegelung an der Winkelhalbierenden \(y = x\). Potenzfunktionen mit geradem Exponenten müssen dazu auf \(\mathbb{R}_0^+\) eingeschränkt werden; bei ungeradem Exponenten wäre die Umkehrung auf ganz \(\mathbb{R}\) möglich.

GrösseFormel / WertBedeutung
Wurzelfunktion\(y = \sqrt[n]{x} = x^{1/n}\)Umkehrfunktion von \(y = x^n\)
\(D\) und \(W\)\(D = W = \mathbb{R}_0^+\)Radikand und Wurzelwert \(\geq 0\)
Gemeinsame Punkte\((0 \mid 0)\), \((1 \mid 1)\)für alle Wurzelexponenten \(n\)
Transformation\(y = a\sqrt[n]{x-u} + v\)Startpunkt \((u \mid v)\), \(D = [u;\, +\infty[\)
Wurzelgleichung\(\sqrt[n]{\dots} = c\)grafisch: Schnittpunkt mit \(y = c\) · algebraisch: hoch \(n\), dann Probe!

Zusatzmaterial

Materialien zum Mitnehmen, Üben und Wiederholen. Druckseiten öffnen in neuem Tab.

Externe Videos & Aufgabensammlungen

🎬 Erklärvideos (Playlists)
📝 Aufgabensammlungen